Weitere statistische Daten der katholischen Kirche unter www.dbk.de

Lesen Sie hier das KNA-Interview mit dem Münchner Regens Baur zum Problem des Priestermangels

Priestermangel

In Deutschland sind zurzeit ca. 10.500 Priester im aktiven Dienst eines Bistums tätig, darunter etwa 750 Priester aus dem Ausland und etwas mehr als 2.000 Priester, die einem Orden angehören. Als Priestermangel wird die seit Jahren rückläufige Zahl der neu geweihten sowie der aktiven Priester bezeichnet. In den letzten zehn Jahren (1998 - 2008) ist die Zahl der im Bistumsdienst stehenden Priester um gut 20% zurückgegangen. Diese Zahlen sind im Kontext mit anderen statistischen Angaben zur Situation der katholischen Kirche in Deutschland zu sehen. So sank von 1998 bis 2008 der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung in Deutschland um knapp 10%. Die Zahl der Taufen ging im Verlauf von 10 Jahren um etwa 30% zurück und bei den katholischen Trauungen beträgt der Rückgang sogar fast 45%. Erzbischof Dr. Ludwig Schick hat darum den Priestermangel mit dem Katholiken- und Gläubigenmangel der Kirche in Deutschland in Verbindung gebracht.1 Weitere Gründe für den Priestermangel sind der Geburtenrückgang, die vielen neuen Möglichkeiten für junge Menschen, einen Beruf im Dienst am Menschen zu ergreifen, und nicht zuletzt der gesunkene „religiöse Grundwasserspiegel" in unserer Gesellschaft, der auch die Zahl der Männer kleiner werden lässt, die den Beruf und die religiöse Lebensform eines Priesters ergreifen wollen.

Eine der sichtbarsten Folgen des Priestermangels sind die pastoralen Neuordnungen, die in den letzten Jahren in fast allen (Erz-)Bistümern durchgeführt wurden. Diese führen dazu, dass nicht mehr wie früher ein Pfarrer für vielleicht 5.000 Gläubige da ist, sondern zusammen mit einem Team trägt er die Verantwortung für 15.000 Katholiken und mehr. Ohne die Belastungen, die aus dieser Umstellung für die Priester wie für die engagierten Katholiken in den Pfarreien erwachsen, schmälern zu wollen, werden zunehmend auch Chancen gesehen, die für die Kirche daraus erwachsen. Drei solcher Chancen sollen exemplarisch benannt werden:

  • Der Priester ist durch seine Weihe in besonderer Weise dem Dienst am gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen zugeordnet. Er übt damit sein geweihtes Priestertum in Zusammenarbeit mit vielen anderen Diensten in der Pfarrei aus: mit zahlreichen Frauen und Männern, die sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren; mit dem seit dem II. Vatikanum wieder belebten Amt des Diakons und mit den in den letzten Jahrzehnten entstandenen neuen Berufsgruppen der Gemeinde- und Pastoralreferent/innen. Die Zahl der Laien, die in der Pastoral hauptberuflich tätig sind, nahm im vergangenen Jahrzehnt (1998 bis 2008) um knapp 15% zu, die Zahl der aktiven ständigen Diakone wuchs im gleichen Zeitraum um mehr als 23%. Diese Vielfalt an Ämtern, Diensten und Berufen ist gottgewollt und stellt eine Bereicherung für die Pastoral der Kirche dar. Für den Priester bedeutet dies, dass er in diesem Kontext vor allem in dem gefragt ist, was zentral das Amt des Priesters ausmacht, nämlich den Dienst an der Einheit der vielen in Jesus Christus.
  • Der Priester kann heute weniger denn je ein Einzelkämpfer sein; die Vergrößerung der pastoralen Räume und die Zusammenarbeit mit den vielen anderen in der Pastoral fordern ihn heraus, sich neu auf das zu besinnen, was den Kern seines priesterlichen Dienstes ausmacht. Viele Priester wünschen sich auch genau dies, das Evangelium zu den Menschen zu bringen, die nach Gott suchen, Einzelne und Gruppen im Glauben zu begleiten, Zeit für missionarische Initiativen und Projekte, eine gute Vorbereitung und Gestaltung der Feiern der Sakramente, Verlebendigung der diakonischen Aufgaben einer Pfarrei und nicht zuletzt Zeit für persönliches Gebet und die Vertiefung ihrer Spiritualität. Diese Besinnung auf die eigene priesterliche Berufung und Sendung ist mit einem Zuwachs an Freude und Erfüllung im eigenen Dienst verbunden.
  • Mit der Vergrößerung der pastoralen Räume weitet sich auch der Horizont, innerhalb dessen sich eine Pfarrei wahrnimmt, und ein Bewusstsein kann wachsen, dass wie der Priester so auch die Kirche nicht nur für ihre Kernmitglieder da ist, sondern für alle Menschen, die zum Gebiet einer Pfarrei gehören, und für die vielfältigen Anliegen und Nöte dieser Menschen vor Ort. In diesem Zusammenhang kann es zu einem neuen Verständnis für die Kirche und auch für das priesterliche Amt kommen. Die Kirche als Ganze und ihr Amt sind mehr als religiöse Organisationsformen, die die Erfüllung bestimmter Funktionen sicher stellen wollen. Die Kirche und damit ihr Amt sind sakramentale Lebensvollzüge, die in der Sendung Jesu Christi einen missionarischen Dienst am Heil der Welt wahrnehmen.

Dr. Claudia Kunz

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1) Erzbischof Ludwig Schick: Pfarrei – Kirche vor Ort. In: „Mehr als Strukturen … Entwicklungen und Perspektiven der pastoralen Neuordnung in den Diözesen“ Arbeitshilfen Nr. 213, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz,
Bonn 2007, S. 31f.