Verfolgte Priester

„Glücklich war ich früher, jetzt habe ich Geld"
Brasilianische Kirche klagt Kinderprostitution im Amazonasgebiet an

Text: Sandra Weiss
Fotos: Jürgen Escher, © Adveniat

blickpunkt_lateinamerika.jpgNach Einbruch der Dunkelheit ist die Hafenmeile von Breves kein einladender Ort. Streunende Hunde, stinkender Müll und schummrige Straßenlaternen, die nur die Silhouette der hier ankernden Amazonasdampfer erahnen lassen. Es ist noch immer heiß und schwül. Moskitos schwirren aus, dürstend nach frischem Blut. Draußen, im verwirrenden Kanal-Mäander der Amazonasmündung, ist das Tuckern von Dieselmotoren zu hören. Auch nachts herrscht reger Schiffsverkehr. Straßen gibt es nur wenige am Amazonas, alles wird auf Flüssen transportiert: Passagiere ebenso wie Klopapier und Betonmischmaschinen oder illegal geschlagene Edelhölzer, Drogen, Waffen. Das brasilianische Amazonasgebiet ist ein idealer Umschlagplatz mit seinen Dschungelgrenzen zu Kolumbien, Peru, Ecuador, Venezuela und Französisch-Guyana. Doch die grüne Hölle ist selbst für das brasilianische Militär, das den Amazonas schon in den 60er Jahren zum „strategischen Gebiet" erklärt hat, feindliches Terrain. Die Kasernen in Manaus und Belém sind zwar eindrucksvoll - doch die Kontrollen im schwer zugänglichen Hinterland sporadisch.

Aus ein paar schmuddeligen Hafenkneipen dringt laute Musik und das Gegröle angetrunkener Seeleute. Auf der Straße lungern ein paar halbwüchsige Jungs herum. Dealer und Bandenmitglieder. Fast jede Nacht stirbt einer von ihnen bei Messerstechereien oder Schießereien. Drogenschulden, ein Mädchen oder einfach zuviel Alkohol - nicht einmal die Polizei interessiert sich dafür. Das ist Selenes* Umgebung. Sie und ein paar Freundinnen streunen regelmäßig auf der Suche nach Freiern am Hafen von Breves herum. Selene ist 18 und schon Profi. Die jüngste ihrer Kolleginnen ist gerade einmal zehn. „Babynutte" wird sie genannt.

Angefangen hat Selene vor vier Jahren. Damals ging die älteste von sieben Geschwistern noch zur Schule. Das Geld, das durch gelegentliche Näharbeiten der Mutter hereinkam, reichte kaum fürs Essen, geschweige denn für Kleider oder Schuhe. Selenes jüngere Geschwister rannten barfuß in Unterhosen auf der Schlaglochpiste vor der baufälligen Holzhütte der Familie herum, geschlafen wurde in Hängematten. Ihr Vater wurde arbeitslos, nachdem die Sägewerke rund um Breves schlossen. Die Firmen hatten alles Tropenholz gefällt und nicht - wie es eigentlich Vorschrift ist - aufgeforstet. Eines Tages heuerte ihr Vater auf einem vorbeifahrenden Schiff an und ließ die hochschwangere Mutter zurück. Die Geburt verlief kompliziert, tagelang waren Mutter und Neugeborenes im Krankenhaus - und Selene, die Älteste, musste sich um die Familie kümmern. Die ersten Tage ging sie nach der Schule am Hafen betteln, um etwas Geld für Reis, Bohnen und Maniokmehl zu bekommen. Am dritten Tag bot ihr ein Mann 20 Reais (umgerechnet rund 6,50 Euro), wenn sie mit ihm in die Kajüte ging.

Selene akzeptierte, schon ahnend, was da kommen würde, denn viele Teenager in Breves verkaufen ihren Körper. Manchen bleibt keine Wahl. Sie werden von den Eltern nachts auf vorbeifahrenden Schiffen eingetauscht gegen ein paar Gallonen Diesel oder als „Hausmädchen" an wohlhabende Familien verkauft. Andere werden bei Verwandten abgegeben, die sich kaum um den eigenen Nachwuchs kümmern können. Einige begleiten ihre anschaffenden Freundinnen nach der Schule an den Hafen und machen so Bekanntschaft mit dem verführerischen Business - oder sie werden von Schleppern angeworben für Bordelle in São Paulo, Madrid oder Paris. Auch der heimische Markt dürstet nach jungen Mädchen: besonders begehrt sind Jungfrauen, die auf geheimen Versteigerungen an den Meistbietenden verscherbelt werden. Hunderte von Reais können Mädchen mit ihrer Jungfräulichkeit verdienen.

Der Dschungel ist eine Welt der Machos, wo das Recht des Stärkeren gilt. Armut ist dabei sehr zweckmäßig für diejenigen, die das Sagen haben. Mit Geld lösen sie alles, und Sex ist eine Ware. Eine, mit der man sich brüstet. Wie der Polizeichef aus Chaves, der auf einem Billardtisch Geschlechtsverkehr mit einer 13jährigen hatte und sich dabei filmen ließ. Das geht so bis in die höchsten Chargen: So wird João Carepa, dem Bruder der Gouverneurin des Bundestaates Pará, vorgeworfen, sich mehrfach an einer elfjährigen Verwandten vergangen zu haben. Der Regionalabgeordnete Afonso Sefer, ein geschiedener Familienvater und Arzt, besorgte sich eine neunjährige „Hausangestellte" aus dem Landesinnern und beutete sie nicht nur als Dienstbotin, sondern auch als Sexsklavin aus. Alleine im Vorjahr wurden in Pará 500 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt - die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches davon betragen.

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Im Parlamentsgebäude von Pará findet die erste Tagung des regionalen Untersuchungsausschusses gegen Kinderprostition statt. Bischof José-Luis Azcona bei der Anhörung neben Senator Magno Malta (Vorsitzender des Untersuchungsausschusses gegen Pädophilie in Brasilia).

Die Politiker müssen sich jetzt vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in der Regionalhauptstadt Belém verantworten. Einberufen wurde er auf Druck der Kirche. Überlebt hat er dank engagierter Senatoren aus der Hauptstadt Brasilia, die sich hinter die Ermittlungen klemmten. „João Carepa, wenn du nicht in einer Stunde hier bist, lass ich dich von der Bundespolizei holen!" drohte der aus Brasilia eingeflogene Senator Magno Malta in die Fernsehkameras im Parlament. Carepa kam - und schwieg. Doch alleine dass es Malta geschafft hatte, ihn vorzuladen, war den Medien in den Abendnachrichten den Aufmacher wert - direkt gefolgt von der Festnahme des ehemaligen Vorsitzenden der regionalen Umweltbehörde, der 500.000 Reais Bestechungsgelder von der Holzmafia kassiert hatte.

„Dem Staat ist all das längst bekannt, doch er schaut weg", schimpft der Bischof der Amazonasprälatur Marajó, José-Luis Azcona, vor dem Untersuchungsausschuss. „Eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht schützt, hat ihre Würde verloren und wenig Zukunft", wettert er unter Beifall. Dass Azcona die Kinderprostitution öffentlich anprangerte, brachte ihm nicht nur Ruhm ein - sondern auch Todesdrohungen. Ebenso wie zwei weitere Bischöfen des Bundesstaates Pará: Flavio Giovenale, der sich für eine 15-Jährige eingesetzt hatte, die in einem Männergefängnis festgehalten wurde, und Erwin Kräutler, der Pädophilie an drei Schulen denunzierte.

„Ich weiß, dass wir einflussreiche Feinde haben", sagt Azcona, der aber trotzdem die angebotenen Leibwächter abgelehnt hat. „Aber nur so besteht eine Chance, dass die Regierung sich endlich um das Problem kümmert." „Die Kirche ist die einzige Institution, die dem Missbrauch etwas entgegen setzen kann", sagt Udo Leibrecht, ein Amazonas-Kenner und Entwicklungsexperte, der Azcona unterstützt. „Der Staat ist am Amazonas eine Beute, an der man sich bereichert, nicht eine Institution im Dienste der Bürger", sagt er. So gibt es in Breves - mit 100.000 Einwohner immerhin der größten Stadt der Amazonasinsel Marajó - nur zwei temporäre Ärzte am örtlichen Krankenhaus. Dabei entbinden hier jeden Monat Dutzende minderjährige Mütter - lauter Risikoschwangerschaften. Und die Malaria ist auf dem 104.000 Quadratkilometer großen Inselarchipel weit verbreitet. Die Analphabetenrate liegt bei 35 Prozent, die absolute Armut bei über 50 Prozent.

Immerhin hat die Anklage der Kirche bewirkt, dass nun erstmals die Marine ein Ärzteschiff in Breves vorbeischickt. Drei Tage ankert das riesige, graue Boot im Hafen - die Schlangen reißen Tag und Nacht nicht ab, und viele haben stundenlange Kanufahrten auf sich genommen, um gratis behandelt zu werden. Der Bürgermeister von Breves lässt sich beim Besuch des Schiffs von der lokalen Presse ablichten. Es sind punktuelle Aktionen. „Immerhin gibt es in Breves seit kurzem eine Feuerwehr", sagt Antonio Teixeira mit ironischem Unterton. Der Mittfünfziger berät die Regionalregierung und hat einige Ideen für Marajó im Kopf. Krabbenzucht, Öko-Honig, exotische Früchte. „Die Natur hat uns alles gegeben", sagt er. „Doch es scheitert an den Menschen: wenn ich eine Million für ein Projekt bereitstelle, verschwindet die Hälfte", klagt er. „Und die Bevölkerung hat sich an milde Gaben von den Politikern gewöhnt, statt unternehmerischen Geist zu entwickeln. Deswegen enden fast alle Entwicklungsprojekte, sobald die Experten abziehen."

Die Kinderprostitution ist für Azcona daher nur ein Aspekt einer „in ihren Grundfesten erschütterten Gesellschaft". „Wir müssen hier ethische Wiederaufbauarbeit leisten", sagt er. Für Schwester Yulis Jordán, die in Breves eine Gruppe der „gefallenen" Mädchen betreut, ist dies der Schlüssel zum Erfolg. „Wenn die Mädchen sich selbst schätzen, schmieden sie Pläne. Sie sehen sie sich nicht als reines Sexualobjekt und Gebärmaschine und geben sie sich nicht dem Erstbesten hin", sagt sie.

Seitdem die Kirche den Kindesmissbrauch angeklagt hat, ist die Öffentlichkeit auf Marajó aufmerksam geworden. Die Schlepper sind abgetaucht, Selene und ihre Freundinnen fühlen sich stigmatisiert und betreiben ihr Geschäft diskreter als früher. Ans Aufhören denkt die 18-Jährige freilich nicht. Ihr Körper hat ihr geholfen, ihre Teenager-Träume zu erfüllen: schicke T-Shirts, Schmuck, ein Handy. Sie brach die Schule ab, Zukunftspläne hat sie keine mehr. „Glücklich war ich früher, jetzt habe ich Geld", sagt sie.

*Selene ist ein fiktiver Name

Michael Brücker, Adveniat