Bischof José-Luis Azcona

„Hinter der Kinderprostitution stecken einflussreiche Mafia-Netzwerke"
Ein Gespräch mit Bischof José-Luis Azcona von der Prälatur Marajó im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará.

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Foto: Jürgen Escher, © Adveniat

Sie und zwei weitere Bischöfe aus Pará haben Morddrohungen erhalten, warum?

Wir haben im vorigen Jahr auf die alarmierende Verschlimmerung der Kinderprostitution in Pará hingewiesen, der die Behörden weitgehend untätig zusehen. Wegen der landesweiten Empörung wurde dann im Parlament von Belém ein Untersuchungsausschuss zu dem Thema eingerichtet. Es liegen Anzeigen gegen den Bruder der Gouverneurin, gegen Politiker, Polizisten und Gemeinderäte vor, doch sie blieben folgenlos. Die Täter sind auf freiem Fuß und bedrohen die Opfer, denen nicht nur keine Gerechtigkeit widerfährt, sondern die sich auch noch vor ihren Peinigern in Sicherheit bringen müssen. Wir haben diese kriminelle Untätigkeit des Staates in der Öffentlichkeit denunziert. Doch hinter der Kinderprostitution stecken einflussreiche Mafia-Netzwerke.

Warum reagiert der Staat nicht?

Die Behörden interessieren sich weder für das Gemeinwohl, noch für eine nachhaltige Entwicklung der Amazonasinseln. Nicht einmal das Militär handelt, dabei ist das eine Grenzregion, in der alles Mögliche geschmuggelt wird: Frauen, Drogen, Waffen, Fauna und Flora. Die Polizeitruppen streiten untereinander, wer die Schweigegelder kassiert, damit die Drogenschmuggler unbehelligt mit ihren Schnellbooten durchfahren dürfen. Der Staat ist nur in den größeren Gemeinden präsent, die Drogenschmuggler aber kommen überall hin. Und die Menschen vor Ort sind in einer so großen Not, dass sie für ein paar Groschen mit den Drogenhändlern kooperieren. Oder eben ihren Körper oder ihre Kinder verkaufen.

Was erwarten Sie vom Untersuchungsausschuss?

Ich setze vor allem darauf, dass er Unrechtsbewusstsein schafft und die Täter stigmatisiert werden. Bisher ist Kindesmissbrauch in Pará eine übliche Praxis. Beispielsweise werden hier auf geheimen Auktionen Jungfrauen versteigert, und Eltern schicken ihre Töchter anschaffen, um zu Geld zu kommen. Manche haben in der Öffentlichkeit auch schon die These vertreten, Sex mit Minderjährigen sei Teil der Amazonas-Kultur. Diese Thesen sind jetzt auf dem Rückzug, die Täter sind abgetaucht. Wenn wir diesem moralischen Niedergang Einhalt gebieten können, ist das schon ein wichtiger Schritt. Natürlich fehlt noch viel mehr, etwa, dass die Lehrer gezielt Prävention betreiben, oder dass der von der Bundesregierung anlässlich des Besuchs von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva im Dezember 2007 vorbereitete Entwicklungsplan für Marajó endlich umgesetzt wird und den Menschen Alternativen geboten werden, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Michael Brücker, Adveniat