Lesetipp:
Treue Christi – Treue des Priesters. Beiträge zu einer Theologie priesterlicher Existenz. Hrsg. vom Zentrum für Berufungspastoral.
Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2010
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Theologie des priesterlichen Dienstes

Christus - der wahre Priester

Priester ist - theologisch bedacht - im ersten und eigentlichen Sinn allein Jesus Christus. Er ist der „Mittler zwischen Gott und den Menschen" (1 Tim 2,5). Er ist vom Vater gesandt und mit dem Heiligen Geist gerüstet, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Der Hebräerbrief nennt ihn „Hoherpriester" (Hebr 2,17 u.ö.) und entfaltet daraus eine Theologie des Kreuzesopfers Christi. Zugleich ist dieser Begriff dazu geeignet, das gesamte biblische Zeugnis über Jesus, über seine Beziehung zum himmlischen Vater und zum Heiligen Geist, über sein Leben in Wort und Tat, über sein Verhältnis zum Alten Bund und zum Neuen Gottesvolk, über ihn als Grund unserer Hoffnung, als Gegenstand unseres Glaubens und als Quelle der Liebe auf den Punkt zu bringen. „Jesus Christus ist der Herr." (Phil 2,11). Das heißt, er ist auch der einzige wirkliche Priester. Er „macht uns heilig durch sein Priestertum", wie die Kirche an Pfingsten singt.

Priester in der Religionsgeschichte

Die Religionsgeschichte und das Alte Testament kennen ebenfalls Priester und priesterliche Funktionen, das Darbringen von Opfern und der Gott geschuldeten Verehrung, das symbolhaft-repräsentative Hintreten vor Gott für das Volk, die Ausspendung von Segen und Gnade, die Vermittlung göttlicher Weisung. Jesus Christus als Priester zu verstehen heißt nicht, fremde, gar heidnische Vorstellungen vom Priestertum auf ihn zu übertragen. Im Gegenteil: Wenn wir Christus als Maßstab des Priesterlichen nehmen, erkennen wir, was in diesen religiösen Bezügen „wahrhaft, edel und recht" (Phil 4,8) ist, was als Vorausbild auf ihn gedeutet werden darf, und wie von ihm ausgehend das Priestertum in der Kirche zu verstehen und zu leben ist.

Gemeinsames Priestertum und Priestertum des Dienstes

Durch die Taufe gehören die Gläubigen zum priesterlichen Volk Gottes. Sie haben kraft des Heiligen Geistes und kraft ihrer Gliedschaft am Leib Christi Anteil an seinem Priestertum. Sie üben es aus, indem sie den Glauben praktizieren. Davon zu unterscheiden, und zwar „dem Wesen, nicht bloß dem Grad nach" (Vatikanum II., Lumen gentium Nr. 10), also nicht nur durch eine gesteigert innige und intensive Glaubenspraxis, sondern durch einen eigenständigen Bezug zum Priestertum Christi, ist das Priestertum des Dienstes, oder das Amtspriestertum. Der geweihte Priester handelt in der Person Christi, des Haupts des Kirche. Er ist nicht nur mit allen Getauften Glied am Leib Christi, sondern er ist durch seine Weihe Repräsentant des Hauptes. Damit dient er dem gemeinsamen Priestertum. Das mag sich entfalten zu vielfältiger Nützlichkeit im Arbeitseinsatz; das mag durch eine entsprechende Gesinnung der Hingabe und Demut innerlich erfüllt sein. Vor allem dient er aber damit, dass er das Vorgängige, das Unverfügbare, das bleibende Gegenüber und den bleibend maßgeblichen Ursprung des kirchlichen Handelns - eben Jesus Christus selbst - repräsentiert. Das ist die sakramentale Grundstruktur der Kirche. Ihre Handlungen sind Zeichen; der eigentlich Handelnde ist Christus selbst.

Priestertum und Weihe

Priester wird man durch Handauflegung und Gebet im Sakrament der Weihe. Der Kandidat stellt seine ganze Person diesem Amt zur Verfügung, und die ganze Person wird zu einem Zeichen und Instrument für Gottes Handeln in der Kirche. Das lateinische Wort „Ordo" für das Sakrament der Weihe, die Ordination, weist darauf hin, dass die sakramentale Ordnung der Kirche, ihre Gliederung, ihr Tätigwerden, aus dem Weiheamt entspringt. Das Weiheamt kennt die drei Stufen des Diakons, des Priesters und des Bischofs, wobei nur Priester und Bischof „ad sacerdotium" geweiht werden, d.h. priesterlich zu verstehen sind, während der Diakon „ad ministerium", ins Dienstamt, berufen ist. Die Priesterweihe prägt dem Priester ein unauslöschliches Siegel ein. Das heißt, Gott bindet sein Handeln, die Vermittlung der Gnade, an den Geweihten unabhängig von dessen persönlicher Rechtschaffenheit und Würdigkeit. Den Gläubigen garantiert Gott damit seine Treue, Verlässlichkeit und Zuwendung. Für den Priester wird daraus eine existentielle Spannung: Er soll dem entsprechen, was ihn doch unendlich übersteigt.

Priestertum und Berufung

Zum Priestertum ist man nach dem Vorbild der Propheten und Apostel von Gott berufen. In der geistlichen Berufung treffen sich eine subjektive und eine objektive Seite. Subjektiv muss der Berufene sich persönlich von Gott gemeint wissen, er muss darauf vertrauen und glauben, dass Gott ihn zu diesem Dienst erwählt hat und durch seine Gnade befähigen wird. Die Kirche nimmt diese persönliche Berufung als Geschenk von Gott entgegen. Zugleich obliegt ihr die Prüfung des guten Willens und der Fähigkeiten eines Bewerbers um das geistliche Amt. Und sie hat die Autorität, Bewerber zur Weihe zu rufen, je nach dem Bedarf an Priestern. Erst dieser Ruf der Kirche macht die Berufung nach der objektiven Seite hin vollständig. Nach der Tradition, die auf Jesus zurückgeht, überträgt die Kirche nur Männern das Priestertum. In der lateinischen Tradition ist die Zulassung zur Weihe überdies an die Bedingung geknüpft, dass der Priester die Ehelosigkeit verspricht (Zölibat). Das geistliche Charisma des Zölibats verleiht dem Priester eine enge Bindung an Christus, dem er darin nacheifert, und eine große Verfügbarkeit im Amt.

Tätigkeit des Priesters

Der Priester übt sein Amt aus, indem er in Wort und Tat den Glauben verkündet (vgl. Vatikanum II, Presbyterorum ordinis Nr. 4). Diese Verkündigung verdichtet sich in den Worten, wo mit Vollmacht die Sakramente gespendet werden. Die vielfältigen Tätigkeiten des Priesters lassen sich mit den drei Ämtern Christi beschreiben: Lehre, Leitung und Heiligung. Der konkrete Zuschnitt der Aufgaben im einzelnen ist geschichtlich ziemlich wandelbar und obliegt den Bischöfen. Sie übertragen zur Wahrnehmung der Seelsorge den Priestern ihre besonderen Funktionen, z.B. als Pfarrer, je nach den Erfordernissen der Ortskirche und nach den Gaben des einzelnen Priesters (vgl. PO 4). Über sein Tun wird jeder Priester vor Gott Rechenschaft ablegen.

Priester und Eucharistie

Da die Eucharistie Höhepunkt und Quelle des kirchlichen Lebens insgesamt ist (vgl. Vatikanum II, Sacrosanctum Concilium Nr. 10), muss auch der priesterliche Dienst vor allem von der Eucharistie her begriffen werden. Christus, der wahre Priester, hat durch sein Kreuzesopfer die Erlösung ein für allemal bewirkt, so dass dem nichts hinzugefügt werden kann. Dieses Opfer ist aber offen dafür, dass die Gläubigen darin eingehen, daran mitwirken (vgl. LG 10) und letztlich sich selbst als „lebendiges und heiliges Opfer" Gott darbringen (Röm 12,1). Dieser Zusammenhang wird in der Eucharistie gefeiert und vergegenwärtigt. Der Dienst des Priesters ist es, der Eucharistie vorzustehen. Dort repräsentiert er Christus - d.h. durch sein priesterliches Tun wird Christus im Vollzug seiner Liebe und Hingabe präsent. Zugleich repräsentiert der Priester die versammelte Gemeinde, deren Lob- und Lebensopfer er in den eucharistischen Gaben Gott darbringt.

Spiritualität des Priesters

Was der Priester kraft seines Amtes ist, bedarf der persönlichen und menschlichen Einholung. Der Dienst will in einer Weise gelebt sein, die sowohl den Anforderungen des Amtes entspricht als auch zugleich das individuelle menschliche Leben des Amtsträgers prägt und erfüllt. Die Lebensführung des Priesters wird also um eine entsprechende spirituelle Seite entwickeln. Stichworte sind hier die persönliche Christusfreundschaft („bei ihm sein" - Mk 3,14), die „caritas pastoralis" (die Gesinnung des Guten Hirten), die Communio im Presbyterium, die Verbundenheit mit den Gläubigen, der Eifer in der Seelsorge, die Vertrautheit mit der Heiligen Schrift, das Vorbild von Heiligen, der Schutz der Gottesmutter und vieles andere mehr.

Regens Dr. Franz Joseph Baur,
Vorsitzender der Regentenkonferenz