Mehr Raum für die Seelsorge
Interview mit Erzbischof Zollitsch

KNA: Herr Erzbischof, wie verstehen Sie den Sinn des Priesterjahres? Was soll es bewirken?

Zollitsch: Es war zunächst auch für mich überraschend, dass der Papst ein Priesterjahr ausgerufen hat. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr freue ich mich. Denn es wird den Priestern helfen, sich ihrer Aufgabe zu vergewissern und neue Freude in ihrem Beruf zu finden. Und es will die Kirche auf die Bedeutung des Priesters aufmerksam zu machen. Dass da ein Mann steht, der zeigt: In dieser Welt gibt es etwas, das über sie hinausreicht und wofür zu leben sich lohnt. Der Priester ist jemand, der den Himmel öffnet und zugleich offenhält für die Menschen; der für das Evangelium einsteht und verkündet, was Jesus Christus uns geschenkt hat und schenkt; und jemand, der weiß: Durch die Weihe bin ich von ihm, Jesus Chruistus, in Dienst genommen.

KNA: Welche Aktionen sind während des Priesterjahres geplant?

Zollitsch: Es gibt einerseits die große Einladung zu einem internationalen Priestertreffen im Juni 2010 in Rom. Das wird sicher gut besucht und viel beachtet werden. Wir in der zuständigen Kommission der Bischofskonferenz werden auch über eigene Aktionen in Deutschland nachdenken, die wir dem Ständigen Rat vorschlagen wollen. In der Erzdiözese Freiburg etwa wollen wir im kommenden Jahr drei Priestertage gestalten, an denen wir Priester zur Wallfahrt einladen. Durch die Besinnung auf ihren Dienst kann ihre Freude daran (wieder) wachsen. Und ich hoffe, dass sich Priester selber im Geist dieses Jahres verstärkt darum bemühen, Menschen zu entdecken, die diesen Beruf anstreben. Es geht aber auch um die Gemeinden, die Menschen auf dem Weg zum Priesterberuf helfen können, etwa durch ein lebendigeres Gebet. Viel hängt vom Ansehen des Priesters in der Öffentlichkeit ab. Davon, wie sehr er erlebt: Ich werde gebraucht, ich stehe nicht allein; das Gebet, die Sympathie, die Solidarität der Menschen tragen mich.

KNA: Woran könnte es Ihrer Meinung nach liegen, dass immer weniger junge Männer den Priesterberuf wählen?

Zollitsch: Es gibt verschiedene Gründe. Einerseits gibt es viel weniger Kinder als früher, also ein kleineres Reservoir. Dort wo nur ein Sohn ist, stellt sich viel eher die Frage, wie geht's in der Familie weiter, wenn er Priester wird. Andererseits haben die Menschen heute viel mehr Möglichkeiten, andere Berufe zu ergreifen - und das ist eine Chance für viele. Und es ist sicher auch so, dass der "religiöse Grundwasserspiegel" bei uns gesunken ist. Wo die Religion sehr angesehen war, war natürlich auch der Priesterberuf angesehener, und viele Familien waren stolz darauf, wenn einer ihrer Söhne diesen Beruf ergriffen hat. Es kommt hinzu, dass angesichts des Priestermangels viele neue Aufgaben auf den Einzelnen zugekommen sind. Da fragt sich dann mancher, ob er diesen Dienst auch voll ausfüllen kann.

KNA: Müssen Priester sozusagen immer mehr Management beherrschen, gerade wenn Pfarreien zusammengelegt werden?

Zollitsch: Ja, man kann es auch Management nennen, was nicht unbedingt die Sehnsucht eines jeden Menschen ist. Wenn jemand Verantwortung für eine Großpfarrei mit 25.000 Katholiken hat, wo er früher für 5.000 zuständig war, oder plötzlich die Sorge für zwei oder drei Gemeinden übernehmen muss, ist das eine große Umstellung. Da müssen wir uns fragen, wie wir Priester in den Bereichen Organisation und Verwaltung entlasten können. Denn er muss immer wieder den Kontakt mit vielen Einzelnen spüren, das Gespräch und die geistige Begleitung. Das ist wichtig für das Leben des Priesters. Er darf sich auch immer wieder darauf berufen, wie wichtig und welche Chance es ist, dass er Gemeinde vom Gottesdienst, von der Feier der Eucharistie her aufbauen kann.

KNA: Wie könnte es ganz konkret aussehen, den Priester wieder stärker Seelsorger sein zu lassen?

Zollitsch: Ich denke daran, dass wir etwa gerade bei Finanzen und Organisation, bei der Sorge um Baumaßnahmen und Kindergärten die Verantwortung stärker auf Fachleute verlagern und dem Priester so neuen Raum geben - wie etwa bei uns in der Erzdiözese Freiburg durch die Verrechnungsstellen. Dabei soll er dann informiert und bei der letzten Entscheidung dabei sein, aber das ganze Management von anderen wahrgenommen werden. Dadurch kann auch die Gemeinde aktiviert und die Vielfalt der Dienste besonders sichtbar werden.

KNA: Indem Laien mehr Gemeindeaufgaben übernehmen?

Zollitsch: Wir haben einerseits die hauptberuflichen Laienmitarbeiterinnen und
-mitarbeiter, die Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten, und die Diakone. Da sind uns seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil neue Dienste geschenkt worden. Im Bereich Verwaltung und Organisation können wir viele Dinge delegieren. Auch ehrenamtlich kann man Verantwortung abnehmen. Ich war gestern in einer Gemeinde, deren Seelsorger insgesamt vier Gemeinden betreut. Dort haben jeweils Laien den Vorsitz im sogenannten Stiftungsrat oder Kirchenverwaltungsrat übernommen, und es funktioniert großartig. Sie sagen, unser Pfarrer ist informiert, wir entscheiden im Einverständnis mit ihm auch vieles selber, denn wir wollen ihn freihalten für die Seelsorge.

KNA: Wenn Sie 30 Sekunden Zeit hätten für einen Radio-Werbespot für den Priesterberuf, was würden Sie sagen?

Zollitsch: Wir brauchen einen Menschen. Den Priester, der mitten unter uns lebt und uns zeigt, dass es etwas gibt, was über diese Welt hinausreicht und wofür zu leben sich lohnt. Wir brauchen den Mann Gottes mitten unter uns, der uns sagt: Ja, es gibt jemanden, der uns trägt, der für uns da ist, nämlich Gott.

Quelle: kna