Korbinian Wirzberger

Tempus fugit – Einblicke in eine wachsende Berufung

Einige sagen: „Bei diesem Elternhaus ist es ja kein Wunder“, für andere ist es bei meiner Herkunft eher verwunderlich, dass ich mich auf den Weg zum Priesteramt mache und mich nicht von der Amtskirche abgewandt habe, nachdem ich quasi innerhalb der Kirche aufgewachsen bin und kirchliche Themen wie Termine in unserem Haus an der Tagesordnung waren. Mein Vater ist Pastoralreferent, meine Mutter Religionslehrerin, daher vergeht selten ein gemeinsames Essen, ohne dass über den Religionsunterricht, die Renovierung der Kirche, Einzelfälle der Seelsorge oder kirchenpolitische Themen diskutiert wird.

Eine solch geballte Ladung Kirche tagtäglich mag für viele Kinder von hauptamtlichen Laien abschreckend wirken, was erklärt, warum viele von ihnen eher Abstand von der Kirche suchen (ein ähnliches Bild lässt sich auch bei berühmten Kindern evangelischer Pfarrer erkennen, denkt man zum Beispiel an Nietzsche). Für mich waren es stets spannende und interessante Unterhaltungen, die meine Eltern führten und in die ich immer mehr hineinwuchs.

Man könnte sagen, dass ich behütet im bayerischen Volkskirchentum groß wurde, wozu auch mein Abitur im Benediktiner Gymnasium Ettal beitrug. So waren Gedanken an den Eintritt ins Priesterseminar, die in der Zeit um mein Abitur kamen, nichts Abwegiges und eine Berufung nichts Unvorstellbares. Bei einer Unterhaltung mit dem Präfekten des Internates bekam ich den Rat, dass ich nicht allzu voreilig diesen Schritt tun sollte, sondern erst einmal etwas Anderes studieren und mir die Welt abseits des Elternhauses etwas ansehen solle, da, wenn die Berufung echt und innerlich ist, sie sich sowieso nicht aufhalten ließe. So immatrikulierte ich mich an der Universität Eichstätt, mit dem Ziel Hauptschullehrer zu werden.

„Warum stehen Studenten um sieben Uhr auf?“
„Weil um acht die Supermärkte schließen!“

Da Witze meist das Konzentrat aus Vorurteilen oder Klischees (welche oft einen Teil Wahrheit in sich bergen) sind, lässt sich auch aus diesem Witz ein Funke Wahrheit extrahieren. Wenngleich mein Tagesablauf nicht wie in dem oben erwähnten Witz aussah, war der Tagesablauf meist sehr beliebig und relativ ungeordnet. Ein Grund hierfür ist sicher im studentischen Leben und seinen oft ausschweifenden Feierlichkeiten zu finden. Das Aufstehen, die Essens- und Studierzeiten orientierten sich oft daran, wann der letzte Abend zu Ende ging, oder, ob ein Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr, deren begeistertes Mitglied ich war und bin, die Nachtruhe zu einem verkümmerten Rest schrumpfen ließ. Etwas wie ein geregelter Tagesrhythmus war, außer während der Zeit der Praktika an der Hauptschule, die einen zu frühem Aufstehen nötigten, in weite Ferne gerückt.

So lebte und studierte ich vor mich hin, wobei ich den Blick auf meine erste Berufswahl fast gänzlich auszublenden versuchte. Je länger ich aber studierte und das Ende des Studiums näher rückte, wuchs eine Beklommenheit in mir, die ich mir anfangs nicht recht erklären konnte. Sowohl Studium als auch die Aussicht aufs Berufsleben, in das ich dank einiger Praktika hineinschnuppern durfte, gefielen mir sehr gut und ich hätte an sich rundum zufrieden sein können. Dennoch sträubte sich etwas in mir und ich erkannte mich immer mehr im biblischen Jona wieder, der versucht vor dem Herrn zu flüchten. So tat ich nach einem halben Jahr des Abwägens und nur noch halbherzig Studierens das, was ich bis jetzt nie bereut habe. Ich fing an auf mein Inneres zu hören und trat ins Priesterseminar ein.

An den oben genannten Witz erinnerte dieses Leben nun gänzlich nicht mehr. Der Tag, wie auch das ganze Leben bekamen nun eine Struktur und einen geregelten Rhythmus. Anfangs eher Verpflichtung, mittlerweile sehr willkommen. Die klare Gliederung des Tages in Gebets-, Studier-, Frei- und Essenszeiten war für mich neu und dennoch sehr schnell vertraut und geschätzt. Die Tatsache, dass die meisten Gebetszeiten fakultativ sind, erlaubt und fördert es, dass der Seminarist Halt in dieser Struktur findet und so selbstständig in den Tagesablauf hineinfinden kann, ohne sich gedrängt oder eingesperrt zu fühlen. So konnte ich sehr schnell den Wert dieses vorgegebenen Tagesablaufes erkennen – nicht nur den praktischen der optimalen Ausnutzung des Tages, sondern auch den innerlichen, da mir die Gebetszeiten halfen, während des Tages zur Ruhe zu finden und mir darüber bewusst zu werden, warum man sich das alles „antut“.

Nachdem die Hürde des Vordiploms von mir genommen wurde, war es letztes Jahr Zeit, für ein Jahr in Externitas zu gehen, wobei ich mir als Ort Erfurt auswählte. Nun lag es daran zu prüfen, wie das Leben auch ohne die Ordnung des Priesterseminars aussieht und ob ich wieder in alte Gewohnheiten und den studentischen Lebensstil fallen würde. Ich denke, es war für mich nicht weniger spannend, als für die Menschen in meiner neuen Umgebung, die größtenteils zum ersten Mal mit einem Priesterseminaristen in Kontakt kamen.

Es stellte sich heraus, dass ich zwar die Gemeinschaft des Seminars, die mich durch den Tag zu tragen vermochte, teilweise stark vermisste. Trotzdem waren die zwei Jahre der Standardisierung des Tagesablaufs eine unschätzbare Stütze, auch ein „freies Leben“ sinnvoll zu strukturieren und nicht einfach in den Tag hinein zu leben. Umso beeindruckender waren für mich zwei Mitstudenten, die ich kennenlernen durfte. Sie versuchten auch ohne Priesterseminar, das ihnen den Rücken stärkte, ihr Leben und ihren Tag ganz nach den Gebetszeiten auszurichten. Einigen Mitbrüdern in den Seminaren, die, wie mir scheint, die strengen Abläufe oft nur über sich ergehen lassen, haben diese beiden einiges voraus. Von ihnen lernte ich auch eine Menge über meine eigene Einstellung und den Wandel, der sich in mir vollzogen hatte. Ich erkannte meine Entwicklung vom Studenten zum Seminaristen, was weniger eine qualitative Wertung sein soll, als viel mehr eine Veränderung zu dem was man tut und wie man es tut.

Für mich geht nun das Studium in München weiter und ich ziehe zurück ins Priesterseminar. Oft wurde ich in der letzten Zeit gefragt, ob es mir denn nicht schwer falle, von der Freiheit wieder zurück in die Reglementierung zu gehen. Darauf antworte ich gerne in meiner gewohnt flapsigen Art: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er.“ Jedoch spielt etwas anderes eine weit wichtigere Rolle. Ich fühle mich nicht allein zu einem Amt, einem Beruf oder einer Stellung berufen. Berufung zum Priesteramt bedeutet für mich Berufung mit Haut und Haar, mit dem ganzen Leben, jeden Tag. Die Antwort auf diesen Anruf kann für mich nur die Art und Weise sein, wie ich mein Leben führe und in der Planung auf Gottes Rat vertraue.

Daher: Nein, ich werde die „Freiheit“ nicht vermissen, da ich in meinem Freijahr erkannt habe, dass ich aus freien Stücken meine Entscheidung für dieses Leben getroffen habe. Dieser Entschluss war die, für mich einzig logische, Antwort auf die Berufung die mir geschenkt wurde.