Gottesdiener – Priestergestalten in Romanen der Gegenwart

von Dr. E. Hurth

In Edzard Schapers Roman Die Macht der Ohnmächtigen (1952, Stuttgart o.J.), ist die gnadenhaft-sakramentale Begründung des priesterlichen Dienstes Voraussetzung dafür, dass der Priester seine eigentliche Sendung erfüllen kann: „Werkzeug" und „Zeuge" Gottes und seines Heilshandelns in Christus zu sein. Verfolgt man dieses Priesterbild bis in die Gegenwart, wird man Zeuge, wie es sich fast ins Gegenteil verkehrt. Der Priester erscheint nun immer wieder als scheiternder und versagender Mensch, dem es nicht mehr gelingt, die Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes glaubwürdig vorzuleben und zu verkünden. Dieses Versagen des Priesters ist in der Romanliteratur der Gegenwart zugleich das Versagen einer Kirche, die den nach Sinn, Trost und Lebensorientierung suchenden Menschen keine Hilfe mehr anzubieten vermag.

In Schapers Roman steht das priesterliche Amt im Dienst an und in einer Kirche, die als „mystische Gemeinschaft" ein Zeichen und Instrument für die Heilsvermittlung zwischen Gott und den Menschen ist. Diese heilsgeschichtliche Sichtweise der Kirche, die Schaper von ihrem sakramentalen Wesen her entfaltet, ist in der Romanliteratur der Gegenwart kaum noch anzutreffen. Es zeigt sich vielmehr ein entmystifizierendes Verständnis von Priesteramt und Kirche, in dem die objektive Geltung sakramentaler Vollzüge zunehmend ausfällt.

Diese Entwicklung setzt sich in dem Priesterbild der Unterhaltungsliteratur fort. Ob es nun TV-Unterhaltungsromane sind - siehe Schwarz greift ein von Markus Kappel (Köln 1994) und Himmel und Erde von Julian Steiger (Köln 2000) -, Heftromane - siehe die Bastei-Reihe um Pfarrer Florian - oder Krimis wie Magdalena Sünderin von Lilian Faschinger (Köln 1995) -, die Unterhaltungsliteratur sucht jeweils den Menschen hinter Amt und Gewand. Sie macht dabei das Wirken des Priesters hauptsächlich von seiner Person abhängig. Das, was der Priester „ist" und tut, ist also nicht mehr wesentlich an das sakramentale Amt gebunden. Das Amt selbst wird quasi an der Person des Priesters und ihrer Glaubwürdigkeit „gemessen".

Gotteszweifler

Viele Romane der Gegenwart stellen Priester vor, die an ihrer Berufung zweifeln und um ihren Glauben ringen. Der Priester in Manuel Thomas' Roman Die Nabelschnur (Wien-München 1981) bekommt die eigene Berufung nicht mehr „in den Griff" und ist ohne jeden Halt. Die Sakramente erlebt der Priester als leere Rituale. Nach außen hin „funktioniert" der Priester, aber er weiß sich nicht mehr getragen von dem Glauben an einen menschgewordenen Gott. Die „Nabelschnur" zur Berufung und zum Beruf in der „Mutter Kirche" ist gerissen.

Der Priester in Silvio Blatters Roman Kein schöner Land (Frankfurt 1983) ist auf Wunsch der Mutter Priester geworden. „Berufen sei er, hatte sie selbst gesagt." Doch der Priester fühlt sich nicht berufen. Er gerät in eine tiefe Krise, in der er den priesterlichen Dienst als Routine erfährt und die Feier der Eucharistie als „Ritus ohne Inhalt und Sinn". Der Priester meint „schweigen zu müssen, weil er keine frohe Botschaft mehr zu verkünden" hat. Als der Priester sich in eine Mitarbeiterin der Pfarrbibliothek verliebt, kann er sich in der Gemeinde nicht mehr halten und wandert mit seiner Geliebten nach Kanada aus. Dort wendet sich der Priester einer verweltlichten Form des Priestertums zu. Den Familientisch erlebt er nun als seinen neuen Altar: „Dem Dogma hatte er abgeschworen, dem Leben sich zugewandt."

Andere Priestergestalten der Romanliteratur vermögen die besondere Mittlerrolle, die Edzard Schaper dem Priester noch zuweist, nicht mehr zu leben. So ist auch die Priestergestalt in Günter Grass' Roman Ein weites Feld (Göttingen 1995) in ihrem Mittlertum nicht unangefochten. Pfarrer Bruno Matull distanziert sich von einem Glauben, in dem Gott vereinnahmt und festgelegt wird. „Glaubt nicht blindlings", fordert der Priester, „lasst endlich Gott aus dem Spiel. Gott existiert nur im Zweifel. Entsagt ihm! Müde aller Anbetung lebt er vom Nein." Matull bejaht Gott im Zweifeln und weiß sich letztlich von ihm angenommen. Aber er kennt nicht mehr jene feste Bindung an das Amt und die selbstverständliche Einbettung in Kirche und Theologie, die den sakralisierten Mittler im traditionellen Priesterroman noch auszeichnet.

Auch Evelyn Schlags Priester ist aus allen Bindungen herausgefallen. Schlag verbindet in ihrem Roman Die göttliche Ordnung der Begierden (Salzburg-Wien 1998) das aktuelle Porträt einer Kirche in der Krise mit der Geschichte eines Priesters, den die Liebe zu einer Frau an seiner Berufung zweifeln lässt. In einer Art Lebensbeichte erzählt der Priester von Liebe, die nicht erfüllt werden kann, und von Erfahrungen, die er nie machen konnte. Am Ende steht der Abschied von einem Priesterleben, das einmal Selbstsicherheit und Geborgenheit schenkte. Der Priester empfindet das "unauslöschliche geistige Zeichen, das ihm durch das Weihesakrament verliehen wurde, plötzlich als Bedrohung". Nichts wird wieder so sein wie früher.

Vom Priester zum Pfaffen

In der Romanliteratur der Gegenwart wird der Priester oft nicht mehr als Sympathieträger profiliert. Der Blick auf den Gottesdiener ist kritischer geworden. Wir brauchen „die Pfaffen, als Dekoration und auch als Dekorateur", so Heinrich Böll in seinem letzten Roman Frauen vor Flusslandschaft (Köln 1985). „Wir brauchen sie für die Stimmung, für die Armee und die Rüstung und Wirtschaft, aber wir haben sie auch derart abgenutzt, aufgebraucht, dass wir sie nicht mehr nötig haben und sie uns bald lästig werden könnten." „Die Kirche hat ausgedient - hierzulande." Der Gottesdienst schenkt „keinen Trost" mehr. „Es ist eben zu Ende." Religion ist zu einer entleerten Hülse geworden und steht im Dienst politischer und gesellschaftlicher Macht.

Aus einer Insider-Perspektive zeigt Arnold Stadler in seinem autobiographischen Roman Mein Hund, meine Sau, mein Leben (Frankfurt 1994), dass schon die Ausbildung der angehenden Priester auf einen weltfremden, machtförmigen Glauben angelegt ist, der keinerlei Trost und Kraft zur Lebensbewältigung geben kann. Stadler, der Theologie in München und Rom studierte und selbst das Priesteramt anstrebte, beschreibt seine Priesterambitionen als gescheiterten Versuch, „die Welt zu retten". „Andere arbeiteten daran und lebten, wir opferten und beteten. Andere liebten, wir flohen." Weltflucht ist Lebensflucht. Sie macht aus dem Ich-Erzähler jemanden, der nicht lieben lernt und nicht geliebt wird. Dazu fügt sich der Mahnprediger, der in Ralf Rothmanns Roman Wäldernacht (Frankfurt 1994) in einer tristen Kirche einen „Sondergottesdienst" für geistig und körperlich Behinderte und ihre Betreuer abhält. Der Priester verkündet einen Richtergott, der in seiner zeitlosen Erhabenheit einem überirdischen Reich der Ideen anzugehören scheint. So wie der Priester selbst unfähig ist zum Mit-Leiden und Mit-Empfinden menschlicher Not, pervertiert er die frohe Botschaft von einem Gott, der Liebe ist (1 Joh 4, 8), zu einer Droh- und Mahnbotschaft.

Ganz ähnlich stellt Peter Handke in seinem Roman Mein Jahr in der Niemandsbucht (Frankfurt 1994) den Priester als „Ordnungshüter" vor. Bewusst kehrt der Priester immer wieder sein Amt hervor, „und das so schroff, dass die bisherigen Genossen sich verschreckt von ihm, plötzlich ein Kirchenmann, abkehrten". Der „Kirchenmann", so Handkes Forderung an den Priester, muss seine „Hochwürdigkeit" ablegen und auf Menschen zugehen, die eben nicht einen kirchlichen Würdenträger suchen, sondern einen verständnisvollen, brüderlichen Begleiter in Nöten des Lebens. Handkes Roman macht deutlich, dass das personalisierende Verständnis des Amtes heute an eine funktionale Sichtweise geknüpft ist, in der die gnadenhaft-sakramentale Begründung des priesterlichen Dienstes zurücktritt und der Priester umgekehrt aber auch gar nicht mehr erfahren und gesehen wird als jemand, der aus dieser sakramentalen Verwurzelung heraus lebt und handelt. Handkes Roman zeigt letztlich, dass der Priester Menschen nicht zur Begegnung mit Gott in Glaube und Liebe führen kann, wenn er selbst keine Erfahrungen mehr mit einem gnädigen, liebenden Gott hat. Die Krise, die den Priester in Handkes Roman erfasst hat, berührt so nicht nur die inneren Widersprüche des Berufes, sondern vor allem auch die eigene Gotteserfahrung.

Handkes Priester ist ein Skeptiker, der die naive Gläubigkeit seiner Kindheit verloren hat.  Der Verlust hat Folgen. Der Priester verliert auch seine Gemeinde. „Kaum eine Menschenseele (verlangt) nach ihm; (...) die Mehrheit wandte sich (...) sogar ab, nicht feindselig, nur verdrossen, ‚der schon wieder'". Ein Priester, wie er heute von vielen wahrgenommen wird: als ein „Kirchenmann", der Menschen nicht mehr anspricht, der nichts Frohbotschaftliches mehr ausstrahlt und in seinem Leben nicht vorzuleben vermag, was diese Botschaft ausmacht.

Dazu fügt sich das Bild, das ein solcher Priester in der Gemeinde abgibt. Es hat nichts mehr zu tun mit Nachfolge und persönlichem Zeugnis. Und so passt es ins „Bild", wenn Andreas Maier in seinem Roman Wäldchestag (Frankfurt 2000) von „Mutmaßungen" einer Gemeinde erzählt, nach denen bequeme handfeste Vergünstigungen die eigentliche Motivation „ihres" Pfarrers seien: „Im Grunde hat er das allerbequemste Leben, (...) wird bis zu seinem friedlichen Ende von der Kirche versorgt, hat sich um Rente und Lebensversicherungen und Steuererklärungen gar nicht zu sorgen, und alles das wird schon ein gewichtiges Wörtchen mitgeredet haben, als sich der Becker überlegt hat, gehe ich jetzt zur Kirche und werde Priester oder nicht." Auch hier wird der Priester aus Sicht der Gemeinde als ein Unberufener erlebt, als ein Mann, der aus vernünftigen, „versorgungstechnischen" Gründen den Priesterberuf anstrebt und an keiner Stelle als Gottesdiener erkennbar wird, der Menschen eine frohe Botschaft zu verkünden hat.

Das verlorene „Geheimnis des Glaubens"

Von Peter Rosegger stammt der Satz, dass „überall Misstrauen gegen die Kutte" herrscht und „doch in den meisten Fällen nichts drin (steckt) als ein armer, gequälter Mensch" (Die beiden Hänse 1897, Leipzig 1916). Von hier aus ist der Weg nicht weit zu Romanen der Gegenwart, in denen die priesterliche Lebensform an sich in Frage gestellt und der Zölibat als Zwang und Körperfeindlichkeit abgelehnt wird. Markus Orths' Roman Corpus (Frankfurt 2002) scheint auf den ersten Blick diese gängige Kritik an einer vermeintlich „körperfeindlich" eingestellten Kirche fortzuschreiben. Der Roman erzählt von dem jungen Christof, der nach einem traumatischen Erlebnis Priester wird und dabei seinen Körper verleugnet. Christofs Scheitern als Priester deutet sich bereits in seiner Kindheit an, als er mit einem Freund spielerisch eine heilige Messe zelebriert. Auch in diesem „Spiel" geht es um Körperlichkeit, um den „Corpus Christi", den Leib des Herrn in der Abendmahlsfeier. Die geistliche und zugleich wirkliche, also auch „körperliche" Speisung mit Christus als der sakramentalen Opfergabe der Messe wird in Christofs nachgespielter Messfeier reduziert auf den Verzehr einer Oblate, die er sich von einer Makrone gekratzt hat. Das „Geheimnis des Glaubens", die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, die sakramentale Gegenwart Christi bleibt Christof verschlossen.

In seinem autobiographischen Rückblick auf seine Zeit in einer Klosterschule beschreibt Thomas Hürlimann, wie ihm der „Glaube an das Wunder, die Hoffnung auf die Verwandlung abhanden" kommt (Das Holztheater. Zürich 1997). In einer „streng katholischen Welt" hatte einst „alles seine Ordnung und diese war von Gott, nicht von den Menschen gemacht (...) Der Priester herrschte über beide Welten - er verwandelte den Wein in das Blut des Herrn". Dass der Priester hier in erster Linie nicht als „Wandler", sondern als „Herrscher" auftritt - „über das Volk erhöht" -, entspricht dem weltfernen, durchreglementierten Leben, dem der Ich-Erzähler in der Klosterschule ausgesetzt ist. Es ist eine von „Dogmen und Normen" bestimmte Welt, in der dem Ich-Erzähler das „Wunder der Verwandlung" schließlich fremd wird. „Eines Tages", so der Erzähler rückblickend, „verlor ich das Geheimnis des Glaubens". Es erscheint nunmehr als „ein überholtes Ritual".

In Peter Handkes Roman Die Wiederholung (Frankfurt 1986) erlebt der Ich-Erzähler seine Zeit in einem klösterlichen Knabeninternat nur als Zwang, „Unterdrückung", ja „Gemeinschaftshaft". Die „zuständigen Geistlichen" begegnen dem Erzähler nicht als Seelsorger, sondern als autoritäre „Verwalter" des Glaubens, die letztlich nicht eucharistiefähig sind. Das „Wunder der Verwandlung" findet nicht statt: „Selbst am Altar, bei der täglichen Messe, verwandelten (die Geistlichen) sich nicht in die Priester, zu denen sie doch einmal geweiht worden waren, sondern füllten jede Einzelheit der Zeremonie aus in der Rolle eines Ordnungshüters."

Petra Morsbach führt in ihrem Roman Gottesdiener (Frankfurt 2004) den Priester zurück „auf seine eigentliche Sendung (...) und die einzigen Heilmittel, die bleiben, die nämlich, die Gott zu geben hat: Barmherzigkeit, Gnade". Der Roman stellt den rothaarigen, stotternden Isidor Rattenhuber vor, dem die Kirche in seiner Jugend Beheimatung und Selbstvertrauen schenkt, indem sie ihn von einem erniedrigenden Leben als Dorftrottel befreit. Als Pfarrer im Bayerischen Wald erlebt Isidor das Verdunsten volkskirchlicher Strukturen. Die Kirchlichkeit der Gemeinde schwindet zusehends und damit auch das Verständnis für den Geschehensvorgang im christlichen Sakrament. Isidor bietet an, „was er zu bieten (hat): (das) Sakrament", aber er muss hinnehmen, dass das Sakrament als Service eingefordert wird, den er als „Verbindungsmann zum Himmel" abzuleisten hat.

Morsbachs Roman zeigt letztlich, dass die pastorale Tätigkeit eines Priesters heute zunehmend in der Erfüllung religiöser Dienstleistungen besteht, die im wahrsten Sinne des Wortes „gnadenlos" „abgerufen" werden. Dass Isidor, trotz aller Erfolglosigkeit in Gemeinde und Seelsorge das, was ihm im Sakrament geschenkt ist, im Sterben noch einmal in der Begegnung mit einem barmherzigen Gott erfahren darf, ist ein tröstlicher Ausblick. Er verweist am Ende auf jenen „Mann Gottes" (1 Tim 6, 11), der Menschen die frohe Botschaft verkündet, ihr Leben gestalten und bewältigen zu können im Vertrauen auf einen Gott, der seine Liebe jedem Einzelnen umfassend und umsonst schenkt.

Autorin: Dr. E. Hurth

 

Im Beitrag erwähnte Literatur:

Silvio Blatter, Kein schöner Land (Frankfurt 1983).
Heinrich Böll, Frauen vor Flusslandschaft (Köln 1985).
Lothar Eschbach, Pfarrer Florian (Bergisch-Gladbach o.J.).
Lilian Faschinger, Magdalena Sünderin (Köln 1995).
Günter Grass, Ein weites Feld (Göttingen 1995).
Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht (Frankfurt 1994).
Peter Handke, Die Wiederholung (Frankfurt 1986).
Thomas Hürlimann, Das Holztheater (Zürich 1997).
Markus Kappel, Schwarz greift ein (Köln 1994).
Andreas Maier, Wäldchestag (Frankfurt 2000).
Petra Morsbach, Gottesdiener (Frankfurt 2004).
Markus Orths, Corpus (Frankfurt 2002).
Peter Rosegger, Die beiden Hänse (1897, Leipzig 1916).
Ralf Rothmann, Wäldernacht (Frankfurt 1994).
Edzard Schaper, Die Macht der Ohnmächtigen (1952, Stuttgart o.J.).
Evelyn Schlag, Die göttliche Ordnung der Begierden (Salzburg-Wien 1998).
Arnold Stadler, Mein Hund, meine Sau, mein Leben (Frankfurt 1994).
Julian Steiger, Himmel und Erde (Köln 2000).
Manuel Thomas, Die Nabelschnur (Wien-München 1981).