Hugo Tewes SVD

„Wenn der Pater kam, ließ man alles stehen und liegen“

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Hugo Tewes, Missionar im Kongo

Seit 40 Jahren lebt und arbeitet Hugo Tewes SVD als Missionar im Kongo. Als es dem Land am schlechtesten ging, baute er mit Hilfe der Bevölkerung neue Pfarreien auf. Ein Portrait des gebürtigen Ostwestfalen.

„Ich fühlte mich, als ob ich in eine dunstige Waschküche komme“, sagt Pater Hugo Tewes. „So heiß war es.“ 40 Jahre sind es in diesem Jahr her, doch an seine Ankunft im Kongo kann sich der Steyler Missionar immer noch ganz genau erinnern. An die drückende Hitze, das ungewohnte Essen, die ersten Tropenkrankheiten. Silvester 1969/70 war Tewes beim deutschen Generalkonsul in Kinshasa eingeladen. Während die übrigen Gäste ins neue Jahr feierten, verbrachte Tewes die Nacht auf der Toilette. Eine schwere Malaria machte ihm zu schaffen.

Dennoch: Die ersten zehn Jahre – sagt der Steyler Missionar heute im Rückblick – waren die schönsten. Als klassischer „Buschmissionar“ lebte und arbeitete er in Kimbao in der Diözese Kenge, gut 400 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Knapp 100 Siedlungen gehörten zu seinem Wirkungsbereich, lang und beschwerlich waren die Märsche in die entlegenen Außenstationen. Manchmal blieb Tewes zehn Tage lang im Busch, begleitet von Ordensschwestern aus Spanien. „Vor denen ziehe ich bis heute den Hut“, sagt er. „Wie selbstverständlich haben sie sich mit den primitivsten Verhältnissen abgefunden haben – das war beeindruckend.“

Die Gastfreundschaft der Dorfbewohner machte indes alle Mühen wett. „Wir waren mit den Menschen wirklich sehr verbunden“, sagt Tewes.  „Wir verbrachten die Nächte in den Dörfern, saßen abends zusammen, aßen und erzählten lange.“ Wenn er von der Menschlichkeit und Nähe spricht, die er in jenen Jahren unter den gut 35.000 Menschen von Kimbau erlebte, gerät der Missionar immer noch ins Schwärmen. „Wenn der Pater kam, dann ließen die Leute wirklich alles stehen und liegen“, erinnert er sich. Tewes stand den Dorfbewohnern nicht nur als Seelsorger bei, sondern half ihnen auch bei der Viehzucht. „Ich bin auf einem Bauernhof in Ostwestfalen groß geworden“, erzählt er. „Dort war es immer meine Aufgabe, mich um die Kühe zu kümmern. Diese Erfahrungen haben mir dann später im Kongo geholfen.“

Tewes blieb länger als geplant in Kimbao – und trotzte dem harten Wind, der den Christen in der Diktatur Joseph-Désiré Mobutus entgegen wehte. Kirchliche Versammlungen und Zeitschriften wurden landesweit verboten, katholische Schulen geschlossen und verstaatlicht. „Aber der Gegenwind kam von oben, nicht von unten“, erinnert sich Tewes.  „Die Leute in Kimabo haben uns beigestanden.“

Anfang der 80er ging Tewes nach Bandundu, wirkte dort beim Aufbau des Bibelzentrums und des Steyler Verlags „Verbum Bible“ mit. Dann ging es in die Hauptstadt. „Im Landesinneren habe ich eigentlich überhaupt keine Angst gehabt“, sagt Tewes. „Aber als ich dann 1990 nach Kinshasa gehen sollte, wurde ich schon ein wenig unruhig. Man hörte von oppositionellen Strömungen und Demonstrationen. Ganz geheuer war mir mein neuer Wirkungsort da nicht.“

Brenzlig stellte sich die Lage kurz vor dem Sturm der Mobutu-Diktatur 1997 dar. Als die Truppen der Opposition auf die Hauptstadt zumarschierten, erwartete nicht nur Tewes, dass es zu einer blutigen Eskalation kommen würde. Als die Krise im letzten Moment durch die Vermittlung eines Generals entschärft wurde, atmete Kinshasa auf. 1998 belagerte man die Stadt erneut, einen Monat wurde der Bevölkerung der Strom abgedreht. Unruhige Zeiten, in denen es Tewes trotzdem gelang, eine Pfarrei aufzubauen. Vielleicht auch, weil es dem Steyler Missionar bei aller Begeisterung für die afrikanische Lebensfreude und Spontaneität immer wichtig war, ein paar deutsche „Tugenden“ zu wahren – allen voran: Pünktlichkeit. „Wenn wir eine Versammlung haben und um 18 Uhr anfangen wollen, dann fangen wir auch um 18 Uhr an“, sagt Tewes schmunzelnd. „Bei den drei Gottesdiensten, die wir am Sonntagmorgen in Kinshasa feiern, käme auch das ganze Zeitgefüge durcheinander, wenn wir immer später beginnen würden. Wenn die Leute das wissen, dann halten sie sich auch daran und wissen das auf Dauer zu schätzen.“

Umgekehrt schätzt der Steyler Missionar die offene, umkomplizierte Art der Kongolesen. „Manchmal ertappe ich mich bei einer Versammlung dabei, wie ich feststelle, dass ich der einzige Weiße bin“, sagt er schmunzelnd. „Im normalen täglichen Leben ist mir das gar nicht mehr bewusst.“ Besonders beeindruckt Tewes die Wertschätzung der Bibel unter den Kongolesen – und ihr Engagement für die Kirche. „Es gibt in Deutschland auch Leute, die engagiert sind und aktiv am Gemeindeleben teilnehmen“, sagt der Steyler Missionar. „Aber nicht in dem Maße, wie das im Kongo der Fall ist. Die Leute sind dort enorm bei der Sache – und trotz ihrer Armut unglaublich großzügig.“ Ein Beispiel: Bei einer Kollekte am Weltmissionssonntag in einer deutschen Gemeinde kamen für die Arbeit des Steyler Missionars 17 Euro zusammen. In Kinshasa finden sich regelmäßig mehrere hundert Euro in der Sonntagskollekte. „Es gibt viele Leute, die den Zehnten geben“, sagt Tewes. „Und das, obwohl sie beinahe nichts haben.“

Die Zukunft hält einige Herausforderungen für die Missionare in Kinshasa bereit: Binnen der nächsten 15 Jahre soll sich die Bevölkerung der 9-Millionen-Metropole verdoppeln, es fehlt aber an Priestern und Seelsorgern. „Wir können der Situation nur gerecht werden, wenn wir auch offen für neue Wege sind“, sagt Tewes. Konkret meint er damit: Auch verheiratete Männer, die nach römisch-katholischen Grundsätzen leben, so genannte „viri probati“, müssen zum Priesteramt zugelassen werden. „Für mich ist das eine unumgängliche Forderung“, sagt Tewes. „Nur so können wir langfristig die Seelsorge in den Pfarreien sicherstellen, ob in Deutschland oder im Kongo.“

Tewes selbst will noch so lange wie möglich als Missionar im Einsatz bleiben. „Ich fühle mich im Kongo zu Hause“, sagt er.  „So lange ich nützlich sein kann, bleibe ich dort unten. Wenn es so weit kommt, dass ich für meine Mitbrüder zur Last werde, ziehe ich es vor, meinen Mitbrüdern in Deutschland zur Last zu werden. Denn in Europa hat man ja doch andere Möglichkeiten, Alte und Kranke zu behandeln.“

Quelle: Steyler Missionare
Markus Frädrich